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S-Klasse aus Shanghai: So vornehm lockt VW die Aufsteiger in China

Published in motosound.de

Audi A6, BMW Fünfer, Mercedes E-Klasse – wo man auch hinschaut vor den Hotels und Bürotürmen in Shanghai, man sieht immer das gleiche Bild: Die Langversionen der deutschen Limousinen geben den Ton an in der chinesischen Business-Klasse. „Von den jährlich 600 000 Autos in diesem Segment macht dieses ABB-Trio von Audi, BMW und Benz etwa 75 Prozent aus“, sagt Jörg Hitpass. Er leitet das Marketing beim Joint-Venture von VW und SAIC in Shanghai und will an diesem Bild möglichst schnell endlich etwas ändern. Deshalb zieht er stolz das Tuch vom neuen Phideon, der als Passat für Aufsteiger die Marke aufwerten und ein bisschen frischen Wind in die tradierte Klasse bringen soll. Mit 5,07 Metern fast so lang wie eine Mercedes S-Klasse, lässt die Limousine nicht nur den Passat vergleichsweise popelig aussehen, sondern stempelt auch den aktuellen A6 zum Alteisen und muss sich vor der frisch gemachten E-Klasse oder dem nächsten Fünfer zumindest nicht verstecken.

Das Auto ist zwar in China für China entwickelt und wird es wohl erst einmal nicht nach Europa schaffen, muss Hitpass einräumen. Es hat aber trotzdem eine globale Bedeutung. Denn nachdem VW den Phaeton eingestellt und den Nachfolger mangels Erfolg im Strudel des Dieselskandals gestrichen hat, wird der Luxusliner aus dem Reich der Mitte zum Flaggschiff der Marke und damit zum Beweis dessen, was unter dem VW-Zeichen so alles möglich ist.

Diese Rolle spielt der Phideon perfekt. Denn wo der Phaeton etwa mit seiner zugfreien Klimaanlage oder der Manufaktur in Dresden immer ein wenig abgehoben und deshalb unglaubwürdig wirkte, ist sein jüngerer Bruder im Geiste viel besser geerdet. Nicht nur das Design mit dem strengen Blick der LED-Scheinwerfer, dem mächtigen, in der Breite betonten Grill, der scharfen Schulter und dem schnörkellosem Heck passt besser in die Zeit als der rundlich, weiche Phaeton. Auch Ausstattung und Ambiente sind bei aller Noblesse näher am Volk. Und natürlich der Preis: Wo der Phideon bei 359 000 RMB startet, musste man für den Phaeton mindestens mit dem doppelten Rechnen, erinnert sich Hitpass.

Trotzdem fährt man im Phideon besser als in jedem anderen Volkswagen – vor allem, wenn man wie die meisten Chinesen hinten rechts einsteigt. Wenn man den Beifahrersitz von hinten aus elektrisch nach vorne surren lässt, kann man bei  3,01 Metern Radstand auf der Rückbank lässig die Beine übereinander schlagen. Es gibt für Arbeitswütige einen Klapptisch, für Erfrischung ein Kühlfach und für Entspannung neben den klimatisierten Polstern auch eine Massage, die sich mit den chromgefassten Knöpfen auf dem großen Bedienpanel sehr individuell einstellen lässt. Und es gibt in paar chinesische Eigenheiten: Das Bordeaux-rote Leder über den beigen Bezügen zum Beispiel würde in Deutschland wohl kaum jemand kaufen. Für die umschaltbare Ambientebeleuchtung in Orange braucht man schon einen ganz speziellen Geschmack. Und wer einmal durch den schwülen Smog von Shanghai im Sommer gefahren ist, der weiß um die segensreiche Wirkung einer Clean-Air-Klimaanlage, die den Gestank der Großstadt wirkungsvoll filtert.

So sehr auch eine Langnase die Fahrt im Fond des Phideon genießt, so groß ist die Umstellung, wenn man nach vorne wechselt. Denn wo man sich auf der Rückbank fühlt wie in Watte gepackt und auf Wolken gebettet und weder von der Straße, noch vom Motor und erst recht nicht von der Welt da draußen etwas mit bekommt, ist der Phideon vom Fahrersitz aus nur schwer zu greifen. Zu indifferent ist die Lenkung und zu weich die für harte Querfugen, tiefe Schlaglöcher und hohe Temposchwellen ausgelegte Luftfederung, als dass wirklich Fahrfreude aufkommen würde. Und selbst wenn der V6-Motor des Top-Modells aus drei Litern Hubraum 300 PS und 440 Nm holt, mit denen er in 6,3 Sekunden von 0 auf 100 beschleunigt und mühelos 250 km/h schafft, springt der Funke einfach nicht auf den Fahrer über. Aber der Chinese liebt es je auch gemächlich hat kein Verständnis für die Tempobolzerei der Europäer, sagt Entwicklungschef Frank Bekemeier, der neben dem V6 noch einen 2,0-Liter-Vierzylnder mit 220 PS einbaut und für das nächste Jahr den unverzichtbaren Plug-In-Hybrid mit über 50 Kilometern elektrischer Reichweite in petto hat. „Außerdem darf man im ganzen Land ohnehin nirgends schneller fahren als 120 km/h“, gibt der VW-Techniker zu bedenken und erzählt von drakonischen Strafen für Raser.

Viel mehr Wert als auf Fahrdynamik haben die Niedersachsen deshalb auf Fahrkultur gelegt und darauf, dem Fahrer die Arbeit möglichst leicht zu machen. Deshalb hat der Phideon mehr Assistenzsysteme als jeder andere VW in China und kommt als erstes Modell auch mit einem Kamerabasierten Nachtsichtsystem. Während sich das in Europa nie so recht durchgesetzt hat, ist es Gold wert einem Land, wo auch nachts zugtausende unbeleuchtete E-Roller und Fahrräder über die dunklen Straßen wuseln.

Während der Phaeton sich als Eintagsfliege entpuppt hat, will VW den Phideon zumindest in China dauerhaft etablieren. Das haben die Niedersachsen ihrem Flaggschiff schon ins Stammbuch geschrieben. Denn hochtrabend erinnert der Name Phideon an Fides, die römische Göttin der Treue. Und bürgerlich will er nicts anderes sein als eine treue Seele.