Audi triumphiert in Le Mans. Wieder einmal. Dieses Jahr der Schlüssel zum Erfolg: der Allradantrieb der Zukunft. Und sehr talentierte Mechaniker.
Da stehen sie nun, all die offenen Chromjuwelen vergangener Jahrzehnte, und laufen langsam voll mit Wasser. Es regnet in Le Mans, zum unpassendsten Zeitpunkt überhaupt. In zehn Minuten beginnt die Fahrerparade, das emotionale Vorspiel des Ereignisses schlechthin in der französischen Partnerstadt von Paderborn.
Morgen um diese Uhrzeit läuft seit gut 2,5 Stunden die 80. Auflage des legendären 24-Stunden-Rennens von Le Mans. Bei strahlendem Sonnenschein, wie sich herausstellt, aber diese kühne Vorhersage würde an diesem patschnassen Freitagnachmittag um 17.20 Uhr sicher keine Wetterfee der Welt wagen.
56 Fahrzeuge in vier Klassen sind offiziell gemeldet. Ein großer Name fehlt dieses Mal: Peugeot. Ausgerechnet. Die Franzosen waren in den vergangenen Jahren die einzigen, die Dauersieger Audi Paroli bieten konnten. Letztlich reichte es aber nur ein einziges Mal (2009) zum Löwen-Sieg. Selbst 2011, als zwei Audi spektakulär ausgeschieden sind, konnten drei Peugeot nicht gegen den einzig verbliebenen R 18 reüssieren. Platz 2, 3, 4 im x-ten Anlauf, das war zu wenig, gemessen am finanziellen Aufwand und den finanziellen Nöten des PSA-Konzerns (Peugeot & Citroën). Adieu, Le Mans.
Stromjuwelen
Dieses Jahr will l Toyota den siegverwöhnten Ingolstädtern die Stirn bieten. Beiden treten mit einem Le-Mans-Novum an: Autos mit Elektrounterstützung, mithin Hybriden. Die Paradedisziplin von Prius-Primus Toyota. In der Audi zusehends wildert. Rund 200 PS zusätzlich haben die R18 e-tron quattro kurzzeitig an der Vorderachse in petto, dank umgewandelter und zwischengespeicherter Bremsenergie. Dadurch hat der heckgetriebene R 18 e-tron temporär Allradantrieb (quattro).
„Wir ersetzen die Kardanwelle durch Stromkabel“, erklärt Dr. Wolfgang Ullrich, seit 20 Jahren oberster Motorsportstratege von Audi. Bis zu 500 Kilojoule fließen vom Drehmassenspeicher an die beiden Elektromotoren an den Vorderrädern. Maximal drei bis sieben Sekunden lang währt der Popeye-Effekt. Strom statt Spinat – „das ist jedes Mal ein gutes Gefühl, auch wenn der Boost-Effekt nur kurz ist“, verrät Audi-Routinier Marcel Fässler (36) vor dem Rennen.
Um das Kräfteverhältnis in der Klasse LMP1 (geschlossene Le-Mans-Prototypen) einigermaßen in der Waage zu halten, dürfen die beiden 510 PS starken e-tron-Flundern den „Boost“ nur oberhalb von 120 km/h freisetzen. Und nur an einer Handvoll Stellen des 13,629 Kilometer langen Kurses. Als Handicap haben sie einen etwas kleineren Tank (58 statt 60 Liter).
Rennzirkus Le Mans
Bei der Freitags-Parade werden die Le-Mans-Piloten frenetisch gefeiert. Tapfer dem westfranzösischen Platzregen trotzend, werden sie in ihren Rennoveralls über den regenbeschirmten Place de la République kutschiert und lassen einen Kamelle-Regen von Renn-Devotionalien über der wartenden Menge niedergehen. Audi-Fahrer Benoit Tréluyer bezahlt die Jubelarie mit einer dicken Erkältung, meldet Audi-Motorsportsprecher Pippig später leicht verschnupft.
„Erwarte das Unterwartete“ – das ist die goldene Regel beim bekanntesten Autorennen der Welt. Von Samstag, 15 Uhr, bis Sonntag, 15 Uhr, jagen die brachial lauten Rennboliden in vier Klassen über den legendären Kurs in Frankreich. Eine Materialschlacht sondergleichen, die Audi dieses Jahr (16./17.06.) zum 11. Mal gewonnen hat. Drumherum tobt wie jedes Jahr ein Jahrmarkt-ähnliches Spektakel. Buden, Riesenrad, Völkerwanderung von Kurve zu Kurve. Riesige LED-Schirme übertragen live – am Freitag die Euro2012, am Samstag/Sonntag das Rennen.
Vier Renner mit vier Ringen hat Audi dieses Jahr ins Rennen geschickt – und alle vier kommen ins Ziel; zwei mit bewährtem Dieselmotor (R 18 ultra), zwei mit besagter neuer Hybrid-Allradtechnik (R 18 e-tron quattro). Sieger wie im Vorjahr: Andre Lotterer (30), Benoit Tréluyer (35) und Marcel Fässler. 378 Runden spult das Trio ohne nennenswerte Pannen ab. Macht 5.151 Kilometer. Mit Durchschnittstempo 240 km/h. Highspeed: gut 320 Sachen.
Beim Audi R 18 ultra mit der Startnummer 3 muss bei der 1440-Minuten-Hatz zweimal fast die gesamte Front inklusive Radaufhängungen gewechselt werden. Kies und Reifenabrieb auf der „schmutzigen“ äußeren Seite der schnellen Porsche-Kurven werden erst Romain Dumas, dann Marc Gené zum Verhängnis. Wie auf Murmeln driften sie in die Reifenstapel. Dumas macht das so sauer, dass er im Stil des seligen HB-Männchens aus seinem Cockpit fährt und die flatternde Frontkleidung vom Rumpf seines R 18 rupft. Tieferer Sinn: Kämen Streckenposten auf diesen glorreichen Gedanken, dürfte er nicht weiterfahren.
So scheppert er mit seinem schwer gerupften R18 im Schritttempo in die Box, mit wild tanzenden Vorderrädern und vermutlich wild fluchend, weil er sich an zwei Fingern abzählen kann, dass er und seine Teamgefährten jetzt erst mal ein paar Runden pausieren müssen. Noch belämmerter wird Allan McNish durch sein Visier geschaut haben, als er den e-tron mit der Startnummer 2 gut drei Stunden vor Schluss neben die Piste setzt. Damit hat er seinem Teamgefährten und Rekordsieger Tom „Mr. Le Mans“ Kristensen die Chance auf den durchaus greifbaren 9. Titel ganz gehörig vermasselt.


Toyota hebt ab
Aber auch Audi #2 kriegen die Mechaniker wieder flott, weiß der Henker wie, denn nahezu zeitgleich ist auch der zersauste Audi #3 in der Box. „Alle vier Crews an den Autos haben hervorragend gearbeitet“, attestiert Ralf Jüttner, Technischer Direktor Audi Sport Team Joest. 139 Boxenstopps in 24 Stunden, quasi im Zehn-Minuten-Takt, plus drei aufwändige Reparaturen. Verdienter Lohn: der vierte Dreifachsieg für Audi, plus Platz 5, mehr geht kaum.
Platz vier overall ergattert Ex-Formel-1-Fahrer Nick Heidfeld – mit elf Runden Rückstand. Er startete mit Nicolas Prost (Sohn von F1-Legende Alain Prost) und Neel Jani für „Rebellion Racing“. Das Schweizer Team profitiert vom Pech Toyotas. Dabei fing es so schön an für die Japaner: Die Benzin-Hybriden des Le-Mans-Rückkehrers performen im Qualifying bestens und gehen von Position 3 und 5 ins Rennen. Am Steuer: prominente Fahrer wie Alexander Wurz (1996 jüngster Le-Mans-Sieger) und Sébastien Buemi (Ex-F1-Fahrer Toro Rosso).
Anfangs sind die beiden Über-Prius TS030 drauf und dran, Audi die Schau zu stehlen. Gegen 20 Uhr übernimmt Toyota #7 sogar kurzzeitig die Führung. Dann das bedauerliche Doppel-Aus: Toyota #8 zerlegt es nach gut fünf Stunden spektakulär. Wie im Vorjahr beim Horrocrash von Mike Rockenfeller übersieht ein Ferrari Italia 458 (Klasse GTE Pro) beim Einlenken den pfeilschnellen LMP1, in diesem Fall den Toyota von Anthony Davidson. Der Toyota hebt ab, dreht sich in der Luft und schmettert nahezu ungebremst in die Reifenstapel. Der Brite landet mit zwei gebrochenen Rückenwirbeln im Hospital. Drei Monate Pause.


2013 – Patrick Dempsey kommt
Toyota #7 kollidiert später mit Nissans bizarrem Prototyp im Batmobil-Stil. Der außer Konkurrenz startende „DeltaWing“, der im Vorfeld des Rennens mit seinem extrem schmalen Vorderwagen allen die Schau gestohlen hatte, ist damit raus. Der Toyota kann anfangs weiterfahren, muss dann aber doch in die Box und sorgt für die Lachnummer der Nacht: Frisch repariert, rollt er aus seinem Stall ganz am Anfang der Boxengasse und kommt exakt bis zum anderen Ende der „pit lane“. Dort bleibt er stehen, verfolgt von sieben sprintenden Mechanikern, die ihn dann die gesamte Strecke rückwärts wieder zur Toyota-Box zurück schieben, flankiert von einem Heer gelbe Flaggen schwenkender Streckenposten. Ende vom Lied: „Retirement“ in Runde 134, ohne neuerlichen Start.
Nächstes Jahr will Mazda – bislang einziger Japaner mit Le-Mans-Sieg in den Annalen (1991, Wankelrennwagen 787B) – beim Motorsport-Volksfest in „e Mans“ mit einem zweistufig geladenen 2,2-Liter-Diesel antreten. Die weiblichen Fans dürfen schon mal jubeln: Serienbeau Patrick Dempsey („Grey’s Anatomy“) gehört zu den Fahrern. Beim Langstreckenklassiker in Daytona hat er es bereits aufs Podest geschafft.
-> Fotogalerie: 24 Hours of Le Mans 2012
(24 Hours of Le Mans high-def slo-mo video via Autoblog.com)













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