Hamburg-Berlin Klassik 2008, Tag 2
 Während die güldene Morgensonne über dem Hamburger Fischmarkt rund 150 klassische Fahrzeuge in romantisches Herbstlicht taucht, werden schon eifrig die neuen Plazierungslisten studiert, Taktiken besprochen und die Batterien der so wichtigen Stoppuhren getauscht. 8.00 Uhr, die zweite Etappe der 1. Hamburg-Berlin Klassik zum heutigen Zielpunkt im 300km entfernten Waren an der Müritz ist gestartet. Motoren knurren, es riecht nach unkatalysiertem Superbenzin und alle sind leicht angespannt… Alle? Nein. Ein kleines unbeugsames Team von autobild.de sucht noch das Bordbuch mit den Etappenplänen im Fußraum des Memminger-Käfers und zieht gelassen die mechanische Armbanduhr mit Sekundenzeiger (zum unkonventionellen Stoppen der Zeitprüfungen) auf. Das Team Eickmann/Sandmann lacht entspannt in die Kameras. Wir haben einen komfortablen Grund dafür.
Sicherlich benötigt man als aktiver Teilnehmer einer lückenlos durchorganisierten Rallye dieser Größenordnung eine gehörige Portion Erfahrung, ein gutes Verständnis zwischen Fahrer und Navigator, sehr genaue Stoppuhren und ein perfektes Fahrzeug. Aber eine solche Veranstaltung soll allen Beteiligten natürlich auch Spaß machen, die gemeinsame Freude über historische Autos und der freundschaftliche Austausch an den Abenden nehmen einen nicht unerheblichen Teil ein. Und genau so sind wir beide als Neulinge an dieses Ereignis gegangen. Zeitnahmen auf Zuruf mit Eickmanns Armbanduhr aus dem Hause Sinn, Lichtschrankendurchfahrten nach Augenmaß, wenig Tempo. Der Weg ist das Ziel, Sonne im Gesicht und im Herzen… Wir stehen heute morgen fast ungläugig vor den Anschlagtafeln der Fischauktionshalle. Platz 2 im Gesamtklassement für das Team autobild.de.
 Wie stellt man sich solch eine Rallye vor? (Achtung - legen Sie sich einen Stift bereit) Wie eine “Schnitzeljagd” für Erwachsene. Es gilt innerhalb einer genauen Zeit nach dem grünen Bordbuch vorgegebene Strecken abzufahren, diese durch Stempel und Zeitkontrollen belegen zu lassen, und einige Aufgaben zu lösen. Diese Aufgaben wiederum beinhalten einen fest vorgegebenen, mit Lichtschranken oder Druckschläuchen begrenzten Straßenabschnitt, der in einer genau vorgegebenen Zeit durchfahren werden muss. Also beispielsweise eine Distanz von 450 Meter in einer Zeit von genau 35 Sekunden. Wer zu schnell oder zu langsam ist oder gar anhält, bekommt Strafpunkte. Die anfänglichen Staus des gestrigen Prologs vor dem alten Elbtunnel sind heute nicht zu erwarten, da die Etappe aus Hamburg heraus in Richtung Osten geht, fern der Autobahnen, fern der Zivilisation über wunderschöne Landstraßen.
 “Unser” perfektes Fahrzeug haben wir gestern schon erfahren dürfen. Ein Memminger Käfer Cabriolet von 1978, einen Neuwagen, denn Memminger baut die Fahrzeuge komplett auf. Eigentlich ist nur noch die A-Säule wirklich von einem Käfer, der Rest passt perfekt, sitzt sich bequem, liegt bretthart auf der Staße und klingt trotz 50PS wie ein Porsche. Ein Traum in Rot. Schöne Autos brauchen einen Namen. Wir haben den Wagen Katja genannt, aber das ist eine andere Geschichte. Der Preis, den wir zahlen müssen? Er hat auch einen Namen: Öffentlichkeit. Das Team von autobild.tv baut uns eine Onboard-Kamera ein. Zum Glück dürfen wir selbst entscheiden, wann die Kamera an ist und wann nicht. So beginnt Startnummer 132 die heutige Etappe um 9.05 Uhr mit einem fröhlichen Gitarrenständchen am Steuer. Take me home, Country Roads. Die Kamera war… an.
Hochmotivierte zumeist weibliche Streckenposten (teils genau so Rot wie unsere Katja) erteilen fröhlich die Stempel an den vorgesehenen Punkten. Den Hingucker machen meistens unsere eifrigen Mitstreiter mit ihren Audi Quattro (kurzer Radstand!), Ford Thunderbird oder Ferrari 400, aber das Team der Herzen wird nach und nach das Männercabrio mit der Gitarre im Fond. So lassen wir es uns ebenfalls nicht nehmen, auf langen überschaubaren Geraden gitarrenbegleitete Hymnen in die Kamera zu singen. Der Entertainmentfaktor soll schließlich nicht zu kurz kommen. Gutes Super mit 100 Oktan bekommt dem Memminger Käfer sehr, er schnurrt mit seinen gerade einmal 7000 Kilometern auf dem Tacho zufrieden seine Etappen ab.
Unterwegs lauern viele unerwartete Prüfungen. Damit die Stoppuhr-Elite sich nicht in peinlich genauer Vorbereitung auf die Prüfungen ergeht, werden ab und an vorgegebene Durchfahrtzeiten geändert oder “geheime” WayPoints, in denen vorher weder Strecke noch Zeit bekannt sind, angesetzt. Eickmann zählt die Sekunden laut, Sandmann fährt den Käfer zärtlich und liebevoll wie eine Frau. Wie im wahren Leben zicken wir uns an, weil ER die Sekunden nicht so zählt wie ICH sie hören will. Sondern nur weiter… weiiiter…. laaaangsam sagt statt eins, zwei, drei, vier… Trotzdem schaffen wir sekundenzeigergenaue Punktlandungen. Zumindest gefühlt. Warum haben die anderen es eigentlich alle so eilig? Ständig werden wir von Fahrzeugen überholt, die noch höhere Startnummern haben als wir. Vor den Zeitkontrollen sehen wir die Kameraden anschließend ihre Hunde Gassi führen oder ein Eis schlecken. Aha. Gleichmäßigkeitsfahrten. Ich verstehe.
 Aufblühende Beispielhaftigkeit für den Angang einer Rallye. Genießen Sie die Landschaft. Erfreuen Sie sich an den Alleen der neuen Bundesländer und hören Sie NDR1, so lange Sie ihn empfangen können. Und streiten Sie sich doch bitte nicht, weil ER das teure Hobbymobil abgewürgt hat und IHR die Schuld daran gibt, weil SIE die Stoppuhr falsch hält.
Die Temperaturen fallen mit jedem gefahrenen Kilometer, und selbst ich bin unterdess froh über das Vorhandensein einer wärmenden Sponsorenjacke im Retro-Steppdecken-Look. In Hamburg schien doch noch die Sonne? Katja hat Durst. Dieser wird an einer kleinen Tankstelle befriedigt, den Stop nutzen wir außerdem zum Schließen des Verdecks. Schade. Herr Eickmann friert wie ein Teenager am Nordpol, und niemand möchte, dass dieser hervorragende Zahlendreher sich erkältet. Unmengen von lustigen Einheimischen stehen winkend am Straßenrand, in jeder Dorfdurchfahrt ernten wir Zuneigung und Freude. Hier, in der geografischen und landschaftlich wunderschönen unberührten Mitte von Nichts, ist ein Kopfsteinpflaster noch ein ehrlicher Bodenbelag, eine Dacia noch ein Gartenhaus und ein Lübzer etwas, was die meisten schon zum Mittagessen trinken.
Schloss Schwerin. Die letzte Zeitnahme, bevor wir in Waren waren. Vor historischer Monumentalkulisse wird den Aktiven ein Buffet vom Feinsten gereicht: Fisch, hiesiges Gulasch, Schnittchen oder verschiedene Tagliatelli. Süßspeisen und Cremes. Mehr als des Fahrers Bauch fassen kann, während sich unsere rote Katja neben Erich Honeckers damaliger Staatskarosse ausruht. Was wird der Samstag wohl bringen? Die Fahrzeuge stehen nun im überwachten Parc Fermé in Waren an der Müritz, unten am See werden noch vereinzelt zu zeitgenössischer Musik Hopfenkaltschalen verköstigt und die ersten Gäste ziehen sich auf die Hotelzimmer zurück. So auch wir. Um zu arbeiten. Morgen geht es weiter in die Bundeshauptstadt, geht es erneut über 300 km durch malerische Landschaften, penible Lichtschranken und über unbestechliche Druckschläuche. Die Zwischenergebnisse des heutigen Tages entnehmen Sie diesem Link . Wir lesen uns morgen. Bleiben Sie dabei.
Sandmann
Siehe auch: This is Hamburg: Im BMW 635 CSi durch die Hansestadt|Classic-Youngtimer-Rallye Hamburg-Shanghai|Chromjuwelen Motor Show: Motor Lounge Spielbudenplatz|Mein Haus, meine Frau, mein Mustang|MotoClub: "Kleines" Foto-Update|Fotos: Lüneburg, Rotenburg, Berlin, Heidelberg|Street Mag Show 2007: Hamburger Auftakt |