Hamburg-Berlin Klassik 2008, Tag 3
Lady in Red mit Namen Katja ist vollgetankt, mit frischen Socken steckt Fahrer Sandmann in seinen Chucks (ich habe es mit den guten Lloyd’s versucht, aber fahren Sie mal einen Käfer mit breiten Ledersohlen!), Beifahrer Eickmann studiert mit charmantem Lächeln und Drei-Tage-Bart endlich einmal das Roadbook… Die letzte Etappe der Hamburg-Berlin Klassik führt uns heute als momentanen Platz 16 der Gesamtwertung in die weithin bekannte Bundeshauptstadt, das Ziel ist das Axel-Springer-Gebäude. Die Sonne scheint von einem blauen kalten Himmel. Eigentlich kann nichts schiefgehen. Nun, bei allem Optimismus – so kann man sich täuschen.
Die beste Nachricht des Morgens ist in der Tat das spätsommerliche Wetterchen! Das Dach unserer Katja bleibt wegen der zur Beleuchtung inkompatiblen arktischen Temperaturen, gegen die selbst unsere stylischen Barbour-Jacken keine Chance haben, geschlossen. Diese Jacken im adretten Steppdecken-Look samt Cord-Kragen werden inzwischen mit einigen SMS auf meinem Handy angeregt diskutiert… was halten Sie denn von dem Modell? Um uns herum tummeln sich inzwischen lieb gewonnene alte Bekannte. Vor uns der gelbe Mitsubishi Lancer, der hervorragend als schillernde Navigationshilfe dient, wenn mein Beifahrer wieder einmal vor lauter Blackberry-Kommunikation das Bordbuch verblättert. Hinter uns der Ferrari 400, der uns immer wenige Kilometer nach jedem Etappenstart elanvoll überholt, um dann vor der Zeitwertung gelangweilt zu warten, bis er dran ist. Noch weiter dahinter der 911er, die beiden Sport-Quattro und der Paris-Dakar-Benz, den man schon aus mehreren Kilometern Entfernung hört. Und ein Golf 1 Diesel mit Dachgepäckträger. Sie alle schnurren jeweils in dieser Reihenfolge an uns vorbei. Murmeltiertag. Dabei haben sie die gleichen Etappenzeiten wie wir, und die sind großzügig bemessen. Ein Mysterium des Ehrgeizes.
Nein, sehen Sie es uns bitte nach. Es ist eine Rallye, in der es um gleichmäßiges Fahren geht. Und als Team von autobild.de personifizieren wir mit dem Memminger-Cabrio gelebte Ruhe, die sich in den schon erwähnten 50PS auch nicht wirklich erschüttern lässt. Eine allzu forsche Fahrweise zöge unerlaubte Haltepausen und Strafpunkte nach sich, darüber hinaus erleidet man in unserem Käfer bei zu hohen Geschwindigkeiten eine Art Dauerknalltrauma, ausgelöst durch den wirklich kernigen Sound des Doppelauspuffs. Ein Männerspielzeug mit Gänsehauteffekt. Wir widmen uns einem Sender namens “Ostsee” und genießen das heutige Nicht-Vorhandensein der Onboard-Kamera, die gestern doch den einen oder anderen Dialog ein wenig anders als normal hat verlaufen lassen.
 Uneingeschränkte Sympathien entlang der Strecke branden den Teilnehmern entgegen. Sehr zu Herrn Eickmanns Leidwesen habe ich mir gestern Abend bei der Einfahrt nach Waren eine Metallhupe mit Gummiball schenken lassen, die ich nun recht publikumswirksam einsetze. Alle sind so fröhlich hier. Je näher wir der Hauptstadt kommen, desto dichter werden selbst in den kleinsten Ortschaften die Menschentrauben. Zuschauer winken sich die Seele aus dem Leib, Kommentatoren erzählen etwas über die Fahrzeuge und machen beim Stempeln Intervievs mit den Beifahrern, worauf diese nicht immer vorbereitet sind. Rallye-Alltag. Während sie wieder alle an uns vorbei fahren (Ferrari 400, Porsche 911, zwei mal Sport Quattro, Dakar-Benz, Golf…) denke ich: Endlich darf ich diese Welt einmal erleben. Und es fühlt sich GUT an.
Lassen Sie uns über Zeitprüfungen sprechen. Stellen Sie sich vor, Sie sollen um eine Kurve herum 40 Meter in sieben Sekunden fahren. Das ist wenig Zeit. Ihr Beifahrer ist motiviert, konzentriert und organisiert und drückt beim Durchfahren der ersten Lichtschranke dienstbeflissen den Knopf der mechanischen Uhr. Der Sekundenzeiger marschiert los, während Sie als Fahrer mit Zwischengas und schleifender Kupplung die zweite Lichtschranke ansteuern. In diesem wichtigen Moment entdeckt Ihr Beifahrer ein schönes Haus rechts neben der Straße, an dem ein Schild “Zu verkaufen” hängt. Und schweigt. Und rechnet im Geiste seine Finanzen durch, vielleicht könne man ja hier in den neuen Bundesländern… “Eickmann!!! ZÄHLEN!!!!!” *plopp* “Hm? Wie? Ach, oh, Entschuldigung… äh… FÜNF … SECHS …” So haben wir unsere erste Zeitprüfung leicht versiebt, zwei Sekunden zu lange hat es gedauert. Das tut weh. Für einen kurzen Moment mag ich meinen Beifahrer nicht mehr.
Männerfreundschaften halten glücklicherweise einiges aus. Dennoch bekommen wir einen kleinen Eindruck von den ungezählten Möglichkeiten, wie eine solche Veranstaltung zu Trennungen oder noch Schlimmerem führen kann. Hier ist es nicht mehr die in der Mitte zusammengedrückte Zahnpastatube, nein, hier geht es um Ehre und Genauigkeit. Da kann man(n) schon einmal zickig werden. Erkennen Sie sich wieder? Na gut. Der Straßenrand, ab und an zum Strecken einiger Gliedmaßen aufgesucht, bietet dem rallyebegeisterten Fotografen und Blogger wunderschöne Motive in ländlicher Umgebung. Wir fahren durch dichte, nicht endenwollende Kiefernwälder und entdecken kleine holperige Straßen, in denen vermutlich niemand aus allen Teams je zuvor gewesen ist. An uns vorbei brausen (und jetzt alle:) der Ferrari 400, der 911er, die Quattros, der Benz, der Dieselgolf… Hut ab vor unserem Herrn Göbel, der die Veranstaltung als Sportlicher Leiter betreut. Der mehrfache Rallyemeister hat die Strecke mit ausgesucht und hat in meinen Augen wirklich ganze Arbeit geleistet!
Persönliche Highlights mag jeder anders gewichten, meines war das Driving Center in Groß Dölln. Inmitten von Kiefernwäldern liegt ein alter Flugplatz mit der längsten Landebahn Europas! Hier finden täglich Fahrsicherheitstrainings und Racings statt. Hier ist unsere Mittagspause angesetzt. Kulinarisches zwischen alten Hangars und historischen Fahrzeugen. Schnitzel, Hähnchenschenkel, Nudeln, Kartoffeln mit Cream oder Reis, köstliche Suppen mit Wursteinlage und Salate. Was für ein Genuss. Meine rechte Hand riecht seit gestern Mittag in Schwerin immer noch nach kaltem Gulasch, aber das ist eine andere Geschichte. Parallel zur Nahrungsaufnahme werden einige ausgesuchte Klassiker über die Rennpiste gescheucht, telefonieren ist unmöglich, das Herz eines jeden Mannes (und auch das einiger Frauen) schlägt ein wenig höher. Synphonien aus Zylindern, Oktaven aus verbranntem Benzin und Stakkatos aus nahezu ungedämpften Verbrennungsvorgängen! Hier bin ich Mann, hier darf ich’s sein.
Diese technischen Schmankerln sollen nicht über den weiterlaufenden Plan der Veranstaltung hinweg täuschen. Noch ehe Herr Eickmann die 42. SMS aus seinem Blackberry versenden kann, sieht er sich erneut in einer Zeitprüfung. Hier gilt es, eine Strecke von rund 3,5 Kilometern in 4,0 Minuten und anschließend eine direkt folgende von einigen 100 Metern in (insgesamt) 4,75 Minuten zu absolvieren. Vielleicht waren wir ein wenig abgelenkt von den immer noch präsenten Gesprächen des Vormittags, aber irgend ein Beifahrer hatte geglaubt, dass nach der ersten Zeitnahme noch einmal eine laaaaaange Strecke folgen würde. Und dann - nach der schrecklichen Erkenntnis und dem unerwarteten Auftauchen der letzten Lichtschranke - kommt das Umrechnungsproblem hinzu. Wie viele Sekunden sind denn bitte 4,75 Minuten? Herr Eickmann kann BWL und brüllt mir Zahlen in mein rechtes Ohr, während ich erneut mit Vollgas versuche, zu retten, was nicht mehr zu retten ist. Wir können froh sein, keine Eichhörnchen überfahren zu haben. Unsere Zeit hingegen ist katastrophal.
Die folgenden Kilometer verlaufen eher ruhig. Berlin ist in greifbare Nähe gerückt, aber wir sind ein wenig enttäuscht von uns. So gute Platzierungen, und dann sowas. Ein letzter Stopp an einem Kanal der Havel, ein letztes Abschütteln der einsetzenden Müdigkeit (drei Tage Rallye sind anstrengend, vor allem, wenn man abends noch bloggen muss, wenn alle anderen schon schlafen) und auf in die letzten Kilometer. Die Bundeshauptstadt mit ihren Alleen und Hochhäusern scheint den kleinen Käfer regelrecht zu verschlucken. Und selbst hier in diesem rastlosen Schmelztiegel bleiben Menschen stehen, winken, machen Fotos. Klassische Automobile scheinen das Volk vorbehaltlos zu vereinen. Diese Veranstaltung ist etwas ganz Besonderes, weil hier nicht ausschließlich die unerreichbare Top-Preisklasse aus den Werksmuseen bewegt wird (was auch seinen Reiz hat), sondern direkt daneben der eine oder andere private Youngtimer fährt, mit dem man gar nicht gerechtet hätte. Ein 190er Mercedes. Huch? Schon so alt? Ein 3er BMW? Ups? Gibt es den schon so lange? Werden wir langsam alt, während unsere Autos jung bleiben?
Abspann in wirklich sehr ehrwürdigen Mauern. Im 19. Stockwerk des Axel-Springer-Hauses mitten in Berlin befindet sich der Axel-Springer-Club. Dieser Blick über die Stadt, gebettet in schweres Ledergestühl und umrahmt von alten Gemälden und wunderschönen Büchern, ist eigentlich einem normal sterblichen Bundesbürger auf Lebzeiten verwährt. Hier und heute hat man für die Rallyeteilnehmer diese heiligen Hallen des Verlagsgründers geöffnet und einen wahrlich glanzvollen Deckel auf drei abwechslungsreiche, interessante und beeindruckende Tage getopft. Prost, Herr Eickmann. Sie waren mir ein guter Beifahrer, nein, ich gehe noch weiter: Ich kann mir keinen besseren vorstellen. Nächstes Jahr in meinem VW K70, abgemacht?
Wir sind noch nicht ganz durch. Hier können Sie die Zwischen- und Endergebnisse nachlesen, und wenn ich recht höre, ist die Abschlussgala im Hotel Westin Grand zwei Etagen unter mir bereits in vollem Gange. Aber das ist eine andere Geschichte, die mein Kollege Lars Busemann nachreichen wird.
Waren Sie einer der Teilnehmer? Oder haben Sie auch Lust bekommen, an so einer Veranstaltung teilzunehmen? Dann los. Wir sind dabei! Bewegte Bilder über die erste KLASSIK-Rallye Hamburg-Berlin sehen Sie bei unseren Kollegen von autobild.tv !
Sandmann
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