Sonntag wurde Hamburg allen Vorurteilen gerecht. Sonne gab es nur in der Erinnerung, ein Lauf um die Alster erinnerte an Aquajogging. An so einem Nachmittag erledigt man gerne Unangenehmes. Ich machte mich also über die vollen Umzugskartons her, wohne ich doch bereits seit 14 Monaten in meiner Behausung. Klar, dass einem dabei eine Unzahl an Erinnerungsstücken in die Hände kommt. Wer den Taschenbuchklassiker “Tick, Trick und Track räumen auf” kennt, ist im Bild. Schatzkarten fand ich allerdings keine. Dafür dieses Foto, es stammt aus dem Jahr 2002 und zeigt mich auf einer Pressereise in Russland. Ich fuhr zu Lada, um einen neuen Leichenwagen zu testen.
Ziel war Togliatti. Die Stadt liegt etwa 1000 Kilometer südöstlich von Moskau und wird als Perle des Landes bezeichnet. Freilich kann ich das nicht bestätigen, doch kenne ich auch den Rest des Landes nicht besonders gut.
Ich besuchte Lada. Es gibt in Togliatti eigentlich nur zwei Arbeitgeber. Lada und das örtliche E-Werk. Dieses erzeugt den Strom, den Lada benötigt. Auch gibt es ein Hotel. Hier wohnen die Gäste von Lada. Der deutsche Importeur wollte der Fachpresse einen Einblick in das größte Autowerk der Welt geben. Sehr exklusiv, denn neben mir war nur ein Kollege von einem Magazin aus Stuttgart. Der Namen des Magazins ist mir entfallen, der Kollege aus Schwaben schafft mittlerweile in der Pressestelle von BMW.
Höhepunkt war ein Nachmittag auf der Lada-Teststrecke , ein nicht besonders spektakuläres Stück Einöde. Hier gab es die gesamte Lada-Palette, alles durfte gefahren werden. Unter anderem auch ein Leichenwagen.
Leider gibt es nur noch dieses Foto, es zeigt nicht gerade viel. Aber glauben Sie mir: Es ist ein unvergleichbares Erlebnis, in einem russischen Leichenwagen durch Steilwandkurven zu brausen. Indirekte Lenkung, schwammiges Fahrwerk, Scheppern im Laderaum: Bei 160 km/h zeigte der Undertaker von der Wolga, was er kann! Kritiker würden jetzt beanstanden, dass das Heck zum Übersteuern neigt, also gerne den Bestatter überholen möchte. Diese Charaktereigenschaft zeigte der Leichenwagen allerdings nur auf der Rennstrecke, welche nicht unbedingt sein Revier ist. Über den Innenraum kann ich nichts Schlechtes sagen. Natürlich stank der Wagen bestialisch, die Kunststoff-Weichmacher dampfen ungeniert. Auch hier erscheint Kritik unangebracht, sind denn gewöhnlich ein Drittel der Passagiere bereits verstorben.
Enttäuscht war ich vom Sargschlitten: In seiner Funktionaliät erinnert er an den ausfahrbaren Kofferraumboden der Edel-Kombis aus den Häusern Audi, Mercedes und Saab; allerdings arbeitete die Verriegelung des Schlittenmechanismus beim Testwagen nicht einwandfrei.
Togliatti ist ein wunderbarer Boden für Leichenwagen, die Kriminalität dieser Stadt ist bemerkenswert. Selbstverständlich war ich diesbezüglich vor meiner Reise vollkommen uninformiert, denn sonst wäre ich niemals alleine über den örtlichen Flohmarkt gewandert. Hier werden nebst bissiger Hunde vor allem gebrauchte Schuhe angeboten. Zwar wurde ich ob meines schwarzen Anzugs und meiner schweizer Uhr kritisch begutachtet, dennoch behelligte mich niemand.
Ein Glücksfall, wie mein Übersetzer beim Dinner zu berichten wusste. Gewöhnlich werden hier nicht Artikel der Marken Boss oder Rolex widerrechtlich begehrt, vielmehr entnimmt man dem naiven Touristen gerne einige Organe wie etwa Leber und/oder Nieren. Nicht selten im Rahmen einer Entführung, denn Lösegeld wird für ausländische Journalisten selbst dann bezahlt, wenn sie nach der Freilassung von der Narkose benebelt sind und hässliche Nähte vom Organklau zeugen.
Es war mit Abstand meine wildeste Pressereise, in zehn Jahren Motorjournalismus habe ich niemals Vergleichbares erlebt. Jetzt kochen die ganzen Erinnerungen wieder auf, und ja, ich werde mit diesem Foto noch meine Enkelkinder mit Erzählungen aus Russland quälen. Machte die Generation meiner Großväter nicht anders.
Siehe auch: Cartype: Ein Nachschlagewerk. |