In Teil 1 habe ich von meinem Pflegefall erzählt, dem 17-jährigen Escort meiner Oma. Wie sich solch eine alte Möhre heute noch auf der Straße schlägt, das lest ihr hier:
Tür auf, setzen, Tür zu ? und schon weiß man, was Sache ist: Dies ist der Gegenpol zu ?Premium?. Die Tür fällt scheppernd ins Schloss, die Sitze sind labberig, billiger, rauher Filz auf dem Boden und fahler billiger Kunststoff prägen den ersten Eindruck. Jeder Kia erscheint heute hochwertiger. Wenigstens finde ich mit meinen 1,85 Metern problemlos eine angenehme Sitzposition. Die wenigen Anzeigen sind gut einsehbar, die Schalter gut erreichbar und leicht zu bedienen. Sind ja auch nicht so viele.
Beim Losfahren fällt sofort die gute Übersicht auf. Davon können die Autofahrer heute nur träumen und müssen sich Einparkhilfen bestellen. Man vermisst selbst beim Rangieren kaum die fehlende Servolenkung.
Das Innengeräusch ist sehr präsent, was ich nicht weiter schlimm fände, wenn der Motor kernig und nicht so blechern klingen würde. Abbiegen auf die Landstraße, 2. Gang, Vollgas. Der 54 kW (73 PS) starke 1.4 Liter CVH-Motor wirkt zäh und arbeitet sich angestrengt durch das Drehzahlband. Erst ab ca. 55 km/h (leider kein Drehzahlmesser vorhanden) kommt Leben in die Bude, auch akustisch. Die meisten schalten spätestens jetzt wegen der Geräuschkulisse genervt einen Gang hoch, wer aber zügig im Verkehr mitschwimmen will, bleibt noch bis 70 auf dem Pedal. Schreckt man nicht vor hohen Drehzahlen zurück, ist man durchaus zügig unterwegs. Das Auto wiegt halt nur 875 kg, ein Verdienst der Nackte-Blechbüchsen-Bauweise.
Die Schaltwege sind lang, aber exakt geführt, für solch ein Auto ist die Schaltung überdurchschnittlich präzise. Auch schnelle Gangwechsel sind nach all den Jahren noch möglich. Das erfreut, denn aufgrund des drehmomentschwachen Motors ist viel Schaltarbeit gefragt. Das Getriebe ist sehr lang übersetzt, der 5.Gang ist noch in klassischer 80er Jahre-Manier als reiner Schongang ausgelegt. Am Verbrauch merkt man es nicht, selbst wenn man die Gänge nicht voll ausdreht, sind trotz geringem Gewicht und Schongang knappe 9 Liter fällig.
Der größte Schwachpunkt des alten Escort ist aber sein Fahrwerk. Es ist weder sportlich noch fahrsicher noch komfortabel. Im Gegensatz zu Golf I/II und Kadett D/E hatte der Escort bis Baujahr 90 hinten keine Verbundlenkerachse, sondern eine Einzelradaufhängung mit Querlenkern, die von dünnen Längslenkern zur Aufnahme der dort wirkenden Kräfte ergänzt werden. Vorne kamen wie bei Golf und Kadett McPherson-Federbeine an unteren Querlenkern zum Einsatz. Da an der Hinterachse die Querlenker relativ kurz waren, kommt es vor allem bei voller Beladung zu massiven Sturz- und damit Spurweitenänderungen beim Einfedern. Infolgedessen setzt der Escort in schnell durchfahrenen Kurven nach anfänglichem Schieben zum Kurvenaußenrand zum Übersteuern an und hängt das Heck raus. In der Betriebsanleitung des Escort ist der Reifendruck mit 1.7 bar und an der Hinterachse mit 2.1 bar angegeben. So hat Ford vermutlich nach dem Facelift versucht, da etwas gegenzusteuern. Damit untersteuert der Wagen aber extrem und die Lenkung wirkt teigiger. Also stelle ich immer an der Vorderachse 2,3 bar und an der Hinterachse 2,1 bar ein. Effekte: Reduzierter Reifenverschleiß an der Vorderachse, leichtgängigere und präzisere Lenkung und besseres Kurvenverhalten, da der reduzierte Schräglaufwinkel an der Vorderachse das Auto spontaner einlenken lässt. Dies ist wohlgemerkt nur sinnvoll, weil das Auto nie voll beladen wird und auch nie nahe dem Grenzbereich unterwegs ist.
Im Großen und Ganzen fahre ich immer wieder gerne mit dem Wagen, weil er alle Fahreindrücke so ungefiltert an den Fahrer weiterleitet, wie es heute kein Kompaktwagen mehr macht. Ein heutiger Focus hat zwar ein brillantes Fahrwerk, einen agileren Motor und einen hochwertigeren Innenraum, aber er fährt sich eben ziemlich synthetisch, man könnte auch sagen, langweilig. Deshalb plane ich manchmal insgeheim, das Auto meiner Oma aufzubewahren, wenn sie nicht mehr damit fährt (allzu weit ist das wohl nicht mehr weg). Ich brauche nur einen Stellplatz. Erst werden die bisherigen ?Quick & Dirty?-Reparaturen sauber und fachmännisch wiederholt, dann wird die Kiste eingemottet. Und dann, 10 Jahre später, hole ich das Teil wieder hervor und schraube H-Kennzeichen dran. OK, ich spinne mal wieder herum. Aber da niemand solch einen Escort als 08/15-Version aufbewahrt, hätte ich vielleicht einen der einzigen ?Normalos? im Jahre 2020. RS Turbo, RS 1600i und vielleicht noch die XR3i und die Cabrios werden vereinzelt aufbewahrt, alles andere wanderte bzw. wandert aktuell noch in großer Stückzahl in die Presse.
Also, liebe Leser, psst, behaltet das für euch und erzählt vor allem meiner Freundin nichts davon!
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