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Der Verfall eines stolzen Benz

 Sandmann, 23.06.2009 in Partner- und Mitglieder-Blogs, autobildblog.de

Die Natur holt ihn sich zurück.

Ay liebe Blog-Gemeinde,

Unter einem guten Sterndie einen fotografieren Erlkönige, die anderen schöne neue Autos, wieder andere lichten die allgegenwärtige Natur ab. Manchmal gelingt dies alles in einem einzigen Objekt! Tatort Neumünster, Schleswig-Holstein, irgendwo in irgend einem Gewerbegebiet. Mein Arbeitskollege Andreas und ich sind auf dem Rückweg von einem Meeting und schnorcheln mit seinem Audi Cabrio durch eine Nebenstraße, als mir ein ziemlich großes Auto mit einer ziemlich seltsamen Farbe in der letzten Reihe des Hofes einer Werkstatt auffällt… Und wieder einmal denke ich an Stephen Kings “Christine”, als Arny auf dem Heimweg aus dem Auto seines Freundes den verrotteten ‘58er Plymouth Fury in einem Garten entdeckt. “Halt mal an, los halt mal kurz an, den will ich fotografieren!” Ein wunderschöner Mercedes Benz 280 SEL. Damals ein Erlkönig. Dann ein Neuwagen. Heute ein Stück Natur. Ein großes Auto am Ende seines Lebens.

Bilder sagen manchmal mehr als Worte.

Schick neben RottFlipFlop Lack auf dem Kofferraumdeckel

Außergewöhnliche Kriminalgeschichten stecken allerdings in diesem Fall nicht dahinter. Auch gab es keinen Mord, jedenfalls keinen, von dem man weiß. Der Mercedes steht auf seinen eigenen Füßen, ist rollbar und hat sogar ausreichend Luft in den Puschen. Was mag ihm zugestoßen sein, dass er nach einer Ära des Luxus und der überheblichen deutschen Dekadenz in diesem bedauernswerten, endgültigen Zustand ist?

sieht man noch dunkelbraun Metallic?Kein Licht mehr ins Dunkel

Seine ursprüngliche Farbe war dunkelbraun Metallic. Dieser Lack ist heute, wo er überhaupt noch vorhanden ist, von einer grünen Algen- und Moosschicht überzogen. Vorn fehlt die dicke, doppelte Stoßsstange vom Gewicht eines heutigen Kleinwagens, hinten ist sie verbeult. Die Limousine blickt uns aus erblindeten Doppelaugen an, tödlich getroffen. Die ehemals stolze Oberklasselimousine sieht aus, als hätte man sie vor ein paar Tagen aus einem Ententümpel gezogen und zum Trocknen auf den Platz gestellt.

Ehemalige WegweiserAntennenlöcher und weitere Einlässe

Farbenprächtige Flechten, Tannennadeln, Blätter und moosiges Gewächs sind seiner Herr geworden und haben sich geholt, was es zu holen gab. Kaum ein Teil an diesem Auto scheint noch verwendbar, umso mehr erstaunt, dass er hier einfach so, als wäre es völlig normal, zwischen diversen anderen Autos parkt. Der Unterboden hängt in braunen Rostplacken herunter, die aufgeblühten und teils abgefallenen Radläufe erinnern fast schon an einen Opel. Aber wir sind ja in Deutschland, selbstverständlich kann ich (im kontrastilistischen schwarzen Anzug) nicht unbemerkt fotografierend um so ein Auto herumspringen, ohne Aufmerksamkeit zu erregen.

Spaltmaße aus vergangenen TagenIm Tauchgang durch die Seitenscheibe

Aktueller Besitzer dieses gehobenen Wracks ist tatsächlich der Betreiber der Autowerkstatt, vor der das Auto steht. Oder liegt. Je nachdem. Ob es okay sei, dass ich seinen Mercedes fotografiere, frage ich ihn. Nun, um das zu verbieten sei es ja inzwischen zu spät, entgegnet er schmunzelnd. Und zerstreut im anschließenden Plausch (leider) endgültig alle mystischen oder kriminellen Ansätze zu einer spannenden Vorgeschichte dieser S-Klasse.

Das Volant der VerwesungBei diesem 280er handelt es sich schlicht um einen Teilespender. Aus drei mach eins, und dieses Drittel wurde dazu auserkoren, den Motor und das Getriebe zu spenden. Derer er auch schon beraubt ist. Nichts, aber auch wirklich gar nichts erinnert noch an das gediegene deutsche Wohnzimmer der 70er mit Plüsch und Holz. Oh. Das Radio ist ja sogar noch drin. Warum das Auto denn so sagenhaft verrostet und bemoost sei, frage ich den auskunftsfreudigen jungen Mann. Das habe ihn auch gewundert, der Mercedes stand lediglich zwei Jahre hinten unter Bäumen auf dem Gelände und hat auf seine Schlachtung gewartet. In Neumünster scheint die Natur ein wenig emsiger zu sein, vielleicht liegt das an der unfassbaren Tristesse, die diese Stadt ansonsten ausstrahlt. Ich kann nicht anders. Ich muss mich zumindest einmal kurz da rein setzen. Unter den skeptischen Blicken meines Kollegen (”mach dich nicht dreckig“) gleite ich in die verblichene automobile Oberklasse.

Er riecht nicht gutbloß raus hier!

Puuuuuuh. Nein, nicht schön. Es riecht nach Wald, Pilzen, anderem Schimmel und Feststoffen, die den Aggregatzustand wechseln. Vermoderung in fortgeschrittenem Stadium, hier hat schon einiges drin gewohnt, gelebt, vielleicht Nachkommen gezeugt und wohl auch groß gezogen. Schnell wieder ans Tageslicht, möglichst ohne von irgend etwas oder jemandem gebissen zu werden.

Radläufe wie bei OpelOb ich denn vielleicht Interesse an den Überresten hätte…? Bei so viel Großzügigkeit in unserer heutigen Welt fällt mir fast eine Träne der Rührung aus dem Auge, bevor ich laut lachend abwinke. Das Auto ist ein Kunstwerk, ein Denkmal, ein Monument der Vergänglichkeit unserer irdischen Güter. Aber ich möchte es wirklich nicht vor meinem Haus stehen haben. Als wir weiter fahren, denke ich so dies und das und frage mich, wo wohl in diesem Land noch weitere Schätzchen dieser Art zu finden sind? Ich mache einmal den Anfang mit dem alten Ovali-Käfer in dem Wald bei meinem Papa hinter dem Haus. Dem werde ich demnächst einmal nachgehen. Und bei der Schrebergartenkolonie am Rand von Kiel, da steht so ein… so ein… ich weiß gar nicht recht, ist es ein Kia? Oder ein Hunday? Auch ganz grün. Eine Sleeping Unbeauty. Fast wie auf jenem Autofriedhof in der Schweiz, der jetzt versteigert werden soll.

Was lösen solche Bilder bei Ihnen für Gedanken oder Emotionen aus? Hier finden Sie diese noch ein paar weitere Bilder. Kennen Sie noch versteckte Plätze, wo die Natur ein Auto zurück holt?

Sandmann


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