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S-Klasse statt Klassenkampf: der außergewöhnliche Alltagswagen eines Berufspendlers zwischen ...

Published in fünfkommasechs.de
Mitte der Achtziger Jahre: Herr Dr. Vogel (Jahrgang 1925, Mann mit Hut rechts im Bild) fährt Mercedes-Benz S-Klasse. Das ist bei einem offensichtlich gut situierten Akademiker wenig überraschend. Was hätte der Mann sonst fahren sollen? Einen bayrischen Propeller der neuartigen Siebener-Reihe? Viel zu bescheiden und unausgereift für jemanden, der beruflich an der Spitze steht. Mehr als ungewöhnlich sind jedoch Einsatzort und Kennzeichen. Die Luxuskarosse ist in der DDR zugelassen, übrigens...

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Mitte der Achtziger Jahre: Herr Dr. Vogel (Jahrgang 1925, Mann mit Hut rechts im Bild) fährt Mercedes-Benz S-Klasse. Das ist bei einem offensichtlich gut situierten Akademiker wenig überraschend. Was hätte der Mann sonst fahren sollen? Einen bayrischen Propeller der neuartigen Siebener-Reihe? Viel zu bescheiden und unausgereift für jemanden, der beruflich an der Spitze steht. Mehr als ungewöhnlich sind jedoch Einsatzort und Kennzeichen.

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Die Luxuskarosse ist in der DDR zugelassen, übrigens genau wie ihr Besitzer, der dort Rechtsanwalt ist!

Wie schafft man es im Land der Zweitakter, der Wartburgs und Trabants (die Bonzen fuhren vielleicht noch Wolga oder Volvo), das Flaggschiff des Klassenfeindes, den viergetakteten Inbegriff westlicher Dekadenz, durch den Arbeiter- und Bauernstaat zu bewegen? Und als sei das noch nicht aufsehenerregend genug, pendelt Herr Dr. Vogel unter teils größter Medienaufmerksamkeit (West) ungehindert durch den Eisernen Vorhang und zurück.

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Die S-Klasse des Staranwalts fährt in Begleitung eines Mercedes-Busses über die Grenze zu West-Berlin durch eine neugierige Horde westlicher Medienvertreter

Die Erklärung ist simpel: gerade im real existierenden Sozialismus entschied vor allem Geld darüber, daß alle gleich und einige gleicher sind. Mit geschätzten 3,5 Milliarden D-Mark, die Herr Dr. Vogel dem eigentlich längst bankrotten "besseren Deutschland" durch seine berufliche Tätigkeit aus dem Westen zuführt, genießt er weitreichende Sonderrechte und Freizügigkeiten in der Diktatur, die damals wie heute nie eine solche gewesen sein will. Da darf man auch schonmal S-Klasse fahren, zumal er sie als ebenfalls im Westen zugelassener Anwalt auch stets in West-Berlin warten lassen konnte.

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Die grenzübergreifende Scheckheftpflege hat einen praktischen Grund: Vogels Ware sind Menschen, und auch wenn er selbst teils Nutznießer, vor allem aber finanzieller Förderer des Honeckerschen Volksgefängnisses ist, so erweist er sehr vielen dieser Leute einen unermeßlichen Dienst. Das funktioniert nur, wenn man auch ideologisch ein Pendler zwischen den Systemen ist. S-Klasse-Fahren im Sozialismus muß kein Widerspruch sein. Vogel ist der ideale Mittler zwischen den Welten – kaum einer versteht sein Handwerk so gut wie er.

"Meine Wege waren nicht weiß und nicht schwarz. Sie mussten grau sein – anders ging es nicht. Ich wollte Anwalt der Menschen zwischen den Fronten sein" wird Dr. Wolfgang Vogel später sagen.

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Er arrangiert mehrfach den Austausch von echten oder sogenannten Agenten zwischen Ost- und West und ermöglicht es der Bundesrepublik von 1964 bis zum Fall der Mauer, fast 34.000 politisch verfolgte Bürger der DDR in den Westen freizukaufen (darunter übrigens auch meinen Großonkel und seine Frau, die zu 13 Jahren Zuchthaus wegen "Spionage" bzw. 3 Jahren Haft wegen "Mitwisserschaft" verurteilt waren). Vogel wird als Honeckers "Beauftragter für humanitäre Fragen" in Zusammenarbeit mit den jeweiligen westdeutschen Regierungen auch maßgeblich an der Ausreise von über 215.000 Menschen im Zuge von Familienzusammenführungen beteiligt sein.

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Am 10. Februar 1962 gelang es ihm, den ersten Agentenhandel des Kalten Krieges in die Wege zu leiten: der über der Sowjetunion abgeschossene Pilot des amerikanischen Spionageflugzeugs U2, Francis Gary Powers, konnte gegen den enttarnten KGB-Oberst Rudolf Abel getauscht werden. Bis 1989 ist Vogel an der Freilassung von 150 Agenten aus 23 Ländern beteiligt, unter anderem auch der des Spions beim damaligen Bundeskanzler Willy Brandt, Günther Guillaume. Ort der Übergaben war stets die Glienicker Brücke bei Potsdam, heute eine Touristenattraktion.

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Die Glienicker Brücke unweit unseres Potsdamer Hotels während der Sternfahrt nach Berlin im Mai 2010

Vogel_PortraitWolfgang Vogel starb am 21. August 2008 in Schliersee. Über den Verbleib seines treuen Dienstfahrzeugs ist uns nichts bekannt. Sollte Euch einst eine 126er-Erstserie Langversion in verbrauchtem Zustand aufgrund des schonungslosen Wintereinsatzes unterkommen (mäßige Ausstattung, vielleicht aus Berlin, vielleicht aus Schliersee): ein Blick in den Fahrzeugbrief könnte interessant sein!

Unser herzlicher Dank gilt Leser Jörg Herzberg, der uns auf die Bilder aufmerksam gemacht hat, sowie der Website Pohl-Projekt.de für die freundliche Zurverfügungstellung dieser einmaligen Aufnahmen. Dort befindet sich u.a. auch die vollständige Bilddokumentation eines Agentenaustauschs des Jahres 1986. Unbedingt sehenswert!


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