Wann haben Sie zuletzt einen Autoschlüssel gesucht? 1994? Vor 17 Jahren begann der schleichende Tod eines unserer liebsten Alltagsbegleiter: Der Autoschlüssel ist nicht mehr. Ein später Nachruf.
1989 war ein wichtiges Jahr. Und damit meine ich nicht den Fall der Mauer, dessen Dimension ich damals gar nicht realisierte. Sondern meine Führerscheinprüfung und die labbrige Fahrerlaubnis, die ich Mitte September vom Verkehrsamt Wien ausgehändigt bekam. Selbstverständlich stand da schon das zugelassene Kfz vor der elterlichen Garage, über dessen Fabrikat ich nobel schweigen möchte. Es startete eine pseudo-wilde Stadtrandjugend mit vielen Autos, wenig Sex und ohne Drogen.
Innovationen haben eine schöpferische Zerstörungskraft
Irgendwie spielte mir das Schicksal einen Jaguar XJ6 in die Hände, einen Ferrari Mondial und einen VW Käfer. Für jedes dieser Fahrzeuge benötigte man einen Schlüsselbund wie Hausmeister Krause, denn das Ein-Schlüssel-System gab es nur für Neuwagen oder Eigentumswohnungen.
Irgendwann wurde von der Autoindustrie flächendeckend das Einschlüssel-System eingeführt; vermutlich errechnete ein japanischer Controller eine Kostenersparnis von 100 Millionen Yen und bekam dafür zur Belohnung einen vierten Urlaubstag im Jahr. Kurz danach gaben die Japaner ihre Technologieführerschaft artig an Deutschland ab und der findige Mittelstand in der preussischen Pampa entwickelte täglich ab 7.30 Uhr im Auftrag der Konzerne immer mehr elektronische Praktikantinnen. Aus dem Schloss wurde ein Schließsystem, aus dem Schlüssel eine Fernbedienung, aus der Fernbedienung eine Plastikkarte.
Bitte nicht falsch verstehen: Ich mag technologische Fortschritte und bete bestimmt nicht die Wiederauferstehung der Fensterkurbel herbei. Innovationen haben eine schöpferische Zerstörungskraft, jeder neue Gedanke ersetzt einen alten, jede Erfindung macht eine andere obsolet. Und weil wir Buben immer die tollsten Spielsachen haben wollen, geben wir dafür auch unser Taschengeld gerne aus und halten damit die Geldumlaufmenge in Bewegung.
Teurer als ein iPod
Dadurch wird alles zwangsläufig komplizierter und erfordert immer mehr Wissen. Kaum ein Gegenstand symbolisiert den Wandel zur Wissensgesellschaft so deutlich wie ein fernbedienbarer Schließmuskel. Selbst Idioten sind heute schlauer als vor zwanzig Jahren. An sozialen Brennpunkten versteht man sich auf die Bedienung eines Computers und kann einen MP3-Player füttern. In den Achtzigern montierte man hier noch Kamei-Spoiler und träumte von breiten BBS-Rädern.
Das gestanzte Stück Blech für kleines Geld wurde von einer Fernbedienung verdrängt. Letztes Jahr kaufte ich einen Zweitschlüssel für meine S-Klasse. Das Teil kostete knapp 200 Euro und ist damit teurer als ein wesentlich komplizierterer iPod.
Wer sich heute versehentlich aus dem Auto aussperrt, hat ein veritables Problem. Dreiecksfenster gibt’s nicht mehr und den Knopf mit dem verbogenen Kleiderbügel ziehen, klappt heute nicht einmal mehr am Platz des Fähnchen-Gebrauchtwagenhändlers. Let's face it – so sieht der Fortschritt aus. Ich mag das. Und bin echt gespannt, was da noch so alles kommt!









Mister Wong
Digg
Del.icio.us
Slashdot
Furl
Yahoo
Technorati
Newsvine
Googlize this
Blinklist
Facebook
Wikio








