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MagazinBlog (All Articles)ReportagenLe Mans 2011: 24 Stunden für die Ewigkeit

24 Hours of Le Mans 2011
24 Heures du Mans

Motorsport war nie mein Ding. Helden hinterm Lenkrad gibt es nicht mehr, habe ich irgendwann beschlossen. Die Formel 1 ist für mich eine seelenlose Geldmaschine, bei der gnomige Briten tricksen und Österreicher übers Wetter schimpfen. Schumi konnte ich noch nie leiden. Und die DTM rast im wahrsten Sinne an mir vorbei. Tiefergelegte vollverspoilerte Serienautos, wer will denn so was.

Und nun das. Ich war in Le Mans. Bei DEM Langstreckenklassiker schlechthin. Und es war unfassbar. Laut, aufwühlend, dramatisch. Fantastisch. Fast die gesamten 24 Stunden lang. Mit ein bisschen Schlaf zwischendurch, so ehrlich will ich sein. Und embedded in ein grandioses Rund-um-sorglos-Paket von Audi, so ehrlich sollte ich sein.

Zwei spektakuläre Unfälle, ein Sieg mit nicht mal 14 Sekunden Vorsprung. 13,854 Sekunden, um genau zu sein. Nach 24 Stunden Dauerheizen mit Durchschnittstempo 238,5 (Qualifying). In Vettels Welt mögen das Welten sein. Bei einem Langstreckenrennen ist das ein Fingerschnipsen. Ein Finish für die Ewigkeit.

Steve McQueen
Steve McQueen

Legende Le Mans

86.400 Sekunden hat ein Tag. 24 Stunden, 2 Minuten und 40 Sekunden hat das Rennen gedauert, wenn ich das richtig gesehen habe auf einem der unzähligen Monitore im Audi Racing Club. Das macht dann 86.560 Sekunden, die sich Audi und Peugeot gegenseitig über den 13,629 Kilometer langen Kurs gescheucht haben. 355 Runden lang. 4838,3 Kilometer weit. Auf diese Distanz kommen alle Formel-1-Läufe eines Jahres nicht zusammen.

Le Mans also. Die Legende. 1923 zum ersten Mal gestartet, 1970 von und mit Steve McQueen als Hollywoodstreifen verewigt, seit 2000 neun Mal gewonnen von Audi. Einzig Peugeot konnte die Dominanz der Ingolstädter brechen (2009). Die Diesel behaken sich auf gleich hohem Niveau. TDI gegen HDi. 2010 gab es einen Dreifachsieg für Audi. Alle Autos des Tricolore-Trios waren ausgefallen, sonst hätte es mit dem Einheitslook auf dem Siegertreppchen wohl nicht geklappt. Dieses Jahr musste also ein Zeichen gesetzt werden. Von beiden. Für Audi ging es nebenbei um den zehnten Sieg in Le Mans – und den ersten mit einem geschlossenen Wagen. Für Peugeot um Revanche – und Sieg Nummer vier.

24 Hours of Le Mans 2011
24 Hours of Le Mans 2011

Die machen "nur" so um und bei 260, 280 Sachen

Und mittendrin: ich, der kleine Renn-Novize. Im perfekt organisierten Treiben der durchgestylten Audi-Bauten an den besten Spots der Strecke – und im bunten Budenzauber auf dem Riesenareal. 250.000 Zuschauer aus aller Welt. Besoffene Briten, neonfarbene Perücken tragende Dänen, Audi-Fahnen schwenkende Deutsche, französische Großfamilien. Die Fahrerinnen des VIP-Shuttle-Services von Audi warnen uns eindringlich vor voluptuösen Mädels, die einem beim Flirten den VIP-Pass vom Hals fingern, um damit in die für den Renn-Plebs gesperrten Zonen zu gelangen, wo einem gebratene Wachteln in den Mund fliegen, feinste Weine und Champagner fließen, Eis elegant in einem Teewägelchen angerührt wird – und Stars wie Patrick Dempsey Hof halten.

Draußen jagen die R18 TDI mit ihrem Sechszylinder-Diesel (3,7 Liter Hubraum) vorbei, bis zu 330 km/h schnell. Die Peugeot 908 sind kaum langsamer, die so genannten GT-Autos schon, lerne ich. Die machen "nur" so um und bei 260, 280 Sachen, aber deutlich mehr Lärm. Auf der längsten Gerade des Kurses, klangvoll "Ligne Droite des Hunaudières" getauft, ziehen Audi und Peugeot mit ihren Leichtbaugeschossen an den Ferrari, Corvette und BMW vorbei wie an Tiefkühltransportern. Auf kurzen Passagen, vor und in Kurven vernaschen sie die grellbunten Lotus, Porsche und Aston Martin flinker als manch parfümschwere Blondine das Fingerfood in der "Audi Racing Arena".

Unfall Audi
Unfall Audi

Ungebremst mit 300km/h durch eine Streckenmauer

Damit das Überholen bzw. Überrunden möglichst problemlos klappt, fahren die GTs mit gelbem Licht, die "LMP"-Autos mit weißem. Nachts ist das ein grelles Spektakel – was dazu führen soll, dass die GT-Fahrer flugs zur Seite gehen, sobald sie von hinten die weiße Gefahr heranrauschen sehen. Das hellste Licht von allen haben die Audi. Einmal Lichthupe bestätigen, bedeutet fünfmal Stakkato-artiges Aufblitzen. Das kann trotz der affenartigen Geschwindigkeit eigentlich keiner übersehen.

Nach nicht einmal einem Drittel der Rennens steht es trotzdem 3:1 für die Franzosen. Zwei Audi sind nach Karambolagen mit GT-Klässlern draußen, und das darf man – ohne parteiisch zu sein – als ziemliche Überraschung werten.

Eine Stunde nach dem Start am Samstag (15 Uhr) zerfetzt es "Audi 3" in einem Reifenstapel – ein Wunder, dass es dabei keine Toten gibt; direkt dahinter stehen Fotografen und Streckenposten. Rund sechs Stunden später zerlegt es "Audi 1" – auch den auf so unfassbar spektakuläre Weise, dass noch am Tag drauf alle davon sprechen. Mit rund 300 km/h schlägt er in die Streckenbegrenzungen ein, die Karosserie scheint förmlich zu explodieren. Eine Streckenkamera zeigt die herumfliegenden Trümmer, dann ist das Bild schwarz.

Fuck, das kann der der unmöglich überlebt haben, denkst du unwillkürlich, Kohlefaser-Monocoque hin oder her. Ungläubig, betreten fast stehst du da und starrst stumm auf die Bildschirme. Selbst in der Boxengasse herrscht blankes Entsetzen. Draußen dröhnt das Feld vorbei, angeführt vom Safety Car, über zwei Stunden lang. Irgendwann dann Entwarnung. Wie schon Allan McNish am Nachmittag habe sich auch Vorjahressieger Mike Rockenfeller allein aus den Trümmern geschält, verkündet Audi. Puh, alle atmen auf. Und wissen: Jetzt sind hier die Karten völlig neu gemischt. Drei gegen einen. Ob der ankommt?

24 Hours of Le Mans 2011
24 Hours of Le Mans 2011

Drei neue Helden

"Strategie ist für den Normalfall. In Le Mans muss man mit dem, womit man gar nicht rechnet, möglichst gut zurechtkommen", hatte Audi-Sportchef Dr. Wolfgang Ullrich am Morgen gesagt. An zwei geschichtsträchtige Unfälle – Klickbringer auf youtube – wird er dabei nicht gedacht haben.

Am Sonntag gegen 11:20 Uhr wechselt Audi zum letzten Mal den Fahrer. Andre Lotterer, 29 Jahre alter Wahl-Japaner, soll es zu Ende bringen. Außer seiner Fahrzeugingenieurin Leena Gade darf ihn keiner über Funk ansprechen, selbst Ralf Jüttner, der technische Direktor, darf nur in Ausnahmefällen an den Bordfunk.

Lotterer liegt vorn, dann führt plötzlich Simon Pagenaud im "Peugeot 9". Mehrfach tauschen die beiden die Plätze. Um 15:02 Uhr dann jagt Lotterer über die Ziellinie, mit besagten 13,854 Sekunden Vorsprung auf den ersten der drei 908, die an seinen LED-Rückleuchten kleben. In der Boxengasse fallen sich die grauen Eminenzen um den Hals. Audi-Boss Stadler, Entwicklungsvorstand Dick, Stratege Ullrich. Wie hätten sie dagestanden, hätte es auch Nummer drei zerlegt? So haben sie mit Andre Lotterer, Marcel Fässler und Benoît Tréluyer drei neue Helden. Die gibt es nämlich doch noch hinterm Lenkrad.

-> Fotogalerie: 24 Heures du Mans // 24 Hours of Le Mans

 

Tipp: Am Wochenende 24. bis 26. Juni 2011 steigt das 24-Stunden-Rennen am Nürburgring. Hin da! Das Chromjuwelen-Team kommt auch.


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