Es war ein erhabener Moment, als die zwei Tonnen Ford vollends aus den Federn kamen, um den Luftraum über dem Russian Hill zu erobern. Die Schwerkraft und all die anderen Lasten eines mühseligen Leihwagen-Alltags hinter sich lassend, ging ein sanftes Seufzen durch die Karosserie, als wollte uns der Crown Vic zurufen: „Endlich frei!“
Wie wir so die scharfe Morgenluft der San Francisco Bay durchschnitten, wurde allerdings langsam klar, dass die Landung hart werden würde. Vielleicht zu hart. Russian Hill, das ist dort, wo schon Bullitt in die Filmgeschichte einging. Hier gibt es Ecken, wo eine kurze, aber energische Beschleunigungsphase quer über eine Vorrangstraße plus ein optimal erwischter Absprung am anderen Ende der Kreuzung reichen, um bis zur nächsten Querstraße zu fliegen. Aber dies hier war eben kein professionell vorbereitetes Stuntcar, sondern ein unschuldiger Leihwagen, den wir eine Stunde zuvor bei Dollar, „home of the lowest rates“, aufgepickt hatten. Und nein, ich hatte nicht das Kleingedruckte im Leihvertrag gelesen.
Während ich also noch überlegte, wie man am Telefon eine zerschmetterte Ölwanne plausibel erklärt, setzte der Crown Victoria sanft wie ein Charter-Flieger auf Mallorca zur Landung an. Nicht einmal die Dämpfer haben durchgeschlagen, das Geräusch beim Aufsetzen klang eher wie ein heftiges Ausatmen. Und dann flüsterte mir der Crown Vic zu: „Los, lass es uns noch mal tun.“

Die Ford Crown Victorias waren immer schon hart im Nehmen. In amerikanischen Filmen und Fernsehserien sieht man sie abgedrängt, angepempert, zerquetscht, in anmutiger Flugrolle oder auch im anspruchsvolleren Salto vorwärts. Alleine für die Verfolgungsjagd in „The Blues Brothers“ gingen 60 Stück drauf. Sie werden auch gerne in Hafenbecken versenkt, angezündet, von automatischen Waffen durchsiebt, mit Granatwerfern beschossen, von LKWs, Panzern oder Zügen niedergewalzt. Auf einer Cars-in-Movies-Seite finden sich 3759 Einträge mit Auftritten eines Crown Vic, und irgendwie bleibt das Gefühl, die Liste wäre nicht vollständig.
Aber warum vertrauten Cops, Sheriffs, FBI-Agenten, biedere Regierungsbeamte, Limousinen-Services (als Lincoln Towncar), kurzsichtige Mummys, schmerbäuchige Rentner (hier gerne als luxuriöserer Mercury Grand Marquis) und natürlich die Taxifahrer über 32 Jahre auf den Crown Victoria? Vielleicht, weil er aus einer Epoche herüberragt, in der amerikanische Automobile noch solide und großartig waren.
Das Ding wurde die letzten zwanzig Jahre praktisch unverändert gebaut. Ausladende Sedan-Karosserie (dreißig Zentimeter länger als eine Mercedes S-Klasse), in Postkutschenmanier auf einem soliden Rahmen montiert, großvolumiger V8 unter der Haube und Heckantrieb samt Starrachse: Hier ging der letzte amerikanische Saurier von uns. Bei seinem Abschied lag der Crown Victoria so weit weg vom unerbittlichen Mahlstrom des technischen Fortschrittes, dass man den Eindruck bekommen konnte, Ford habe ihn bloß aus purer Gewohnheit immer weiter und weiter produziert. Ein vom Schicksal vergessenes Automobil.
Das war aber nicht so. Flotten, Behörden und Taxiunternehmen sorgten für kontinuierliche Produktionszahlen. Wir haben Betroffene, also Polizisten und Taxifahrer gefragt, und jeder Einzelne hat eine Liebeserklärung abgegeben. Sicher und bequem sei der Crown Victoria, und vor allem: keiner härter im Nehmen. Man muss nur ordentlich Sprit und Öl reinkippen, dann gehen Taxiunternehmen von 500.000 Meilen (also rund 800.000 km) Laufleistung aus, bevor die erste Revision von Motor und Getriebe fällig wird. Und wenn doch einmal etwas kaputt wird, ist es einfach und preisgünstig zu reparieren. Das war also das Geheimnis: die Unkaputtbarkeit.

Wie sich so ein Crown Victoria fährt, wenn er nicht gerade fliegt? Nun, man stelle sich ein wirklich sehr weiches Auto vor. Einen Franzosen aus den Siebzigern vielleicht. Der Crown Victoria ist dann noch einmal um ein Eck weicher. Und natürlich schwammiger. In Summe kriegt man etwa die Fahrdynamik eines zwei Tonnen schweren 2CV geboten. Das Lenkradspiel beträgt etwa eine Achtel-Umdrehung, bevor sich irgendetwas tut.
Über 70 Meilen befindet sich ein Crown Vic sogar auf ebener, gerader, trockener Fahrbahn im Grenzbereich, dafür bügelt die Federung selbst den ältesten Interstate knitterfrei.
Motor & Getriebe? Vorhanden, verhalten sich aber maximal unauffällig. Beschleunigung ist, wenn sich zuerst langsam die Motorhaube hebt und danach ein sanfter Druck im Rücken spürbar wird. Der 4,6-Liter-V8 liefert angeblich 210 PS, erinnert aber eher an einen Elektroantrieb, allerdings auf 110 Volt. Selbst mit bösem Vorsatz schafft man keinen Reifenqualm oder gar irgendeine Art von Drift – also nix ist mit Hollywood. Deshalb sollte man sich auch nicht mit den Police Interceptors anlegen, die haben mindestens 40 PS mehr und auch ein härteres Fahrwerk.
Muss aber gar nicht sein, die vordere Dreiersitzbank und der coole Automatik-Wählhebel am Lenkrad bieten nämlich ideale Voraussetzungen für Kuschelreisen. Außerdem kann auch der Beifahrer Gas geben oder bremsen, man hat das ja in Filmen des Öfteren gesehen.
Der letzte amerikanische Saurier starb einen langsamen Tod. Bereits 2007 wurde der Crown Victoria aus den Schauräumen genommen und nur mehr an Flottenkunden ausgeliefert. Trotzdem wurden im letzten Jahr noch 46.725 Autos gebaut. Bei komplett abgeschriebenen Kosten für Entwicklung und Produktionsanlagen hätte dies eigentlich für ein langes Leben reichen müssen. Am Ende dürfte wohl der schlechte Einfluss auf den Flottenverbrauch den Crown Victoria gekillt haben. Oder er war den Ford-Managern in seiner halsstarrig-gestrigen Unverwüstlichkeit einfach peinlich.
Der letzte ausgelieferte Crown Victoria ging übrigens nach Saudi Arabien, in dem trockenen, erdölreichen Klima wird ihm hoffentlich ein langes, glückliches Leben beschieden sein. Am 15. September 2011 wurde die Fabrik im kanadischen St. Thomas geschlossen, 1200 Arbeiter nach Hause geschickt. Der meistgelesene US-Autoblog verabschiedete den letzten klassischen Straßenkreuzer mit den Worten: „Der Tod des Crown Victoria ist ein trauriger Tag für Amerika.“ Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.
Original: Autorevue » Reportagen









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